4. Preis geht an Rudolf Wiens

Ein Leben ohne Heimat

Ich heiße Rudolf Wiens und bin 56 Jahre alt. Mein Leben ist so verlaufen, dass ich immer an einem anderen Ort leben musste.

Meine Eltern wurden 1941 aus ihrer Heimat vertrieben. Der Vater musste zur Arbeitsarmee, und meine Mutter wohnte mit meinen damals kleinen älteren Schwestern und Neffen in einem kleinen sibirischen Dorf. Es waren schreckliche Zeiten.

Nach dem Krieg ist mein Vater ganz krank von der Arbeitsarmee zu seiner Familie zurückgekommen. Bis 1956 mussten wir unter der Kommandantur leben, das heißt, wir durften unseren Wohnort nicht verlassen. Wir hatten damals keine richtige Wohnung, nur eine Erdstube (Semljanka).

Als die Kommandanturzeit zu Ende war, durften wir nicht in unsere frühere Heimat zurück fahren. Vor dem Krieg lebten deutsche Siedler im Gebiet an der Wolga (Wolgarepublik).

Die extrem kalten Winter in Sibirien machten meinem kranken Vater zu schaffen, und er entschied 1960, nach Kasachstan überzusiedeln.

Zum Überleben mussten wir hart in der Kolchose arbeiten. Unsere Familie war groß und bestand aus elf Personen. Meine Eltern hatten neun Kinder; auch die Großmutter lebte bei uns.

Mein Vater wollte nicht, dass wir Kinder nach Beendigung der Schule in der Kolchose bleiben:Er hat immer gesagt, dass wir selbst in das große Leben ziehen müssen.

So habe ich nach Abschluss der Mittelschule von der Familie Abschied genommen und bin aus dem Elternhaus gegangen. Fünf Jahre wohnte ich in der Stadt Alma-Ata in Kasachstan,

wo ich die Hochschule beendete und Tierarzt wurde. Nach Abschluss der Hochschule musste ich meinen Militärdienst ableisten. Während dieser Zeit hat mich das Schicksal an verschiedene Orte der großen Sowjetunion getrieben.

Der letzte Dienstort war Aserbaidschan. Im Jahre 1990, nach dem Zerfall der Sowjetunion, musste ich wieder einen neuen Wohnort suchen und bin nach Russland, in die Stadt Tuapse – wo zu der Zeit meine Schwester gelebt hatte – gefahren. Jetzt musste ich wieder alles neu anfangen, aber es waren harte Zeiten, und ich entschied mich, nach Deutschland überzusiedeln.

Auf die Einladung nach Deutschland musste ich zehn Jahre warten, und jetzt bin ich hier.

Wie ein Baum mit den Wurzeln aus der Erde gerissen fühlte ich mich an den verschiedenen Flecken der Erde (Kasachstan, Georgien, Aserbaidschan – wo ich insgesamt 30 Jahre gewohnt habe – und dann auch in Russland zehn Jahre). Ich habe gedacht: „Ich bin ein Deutschstämmiger, und mir wird es in Deutschland wahrscheinlich besser gehen.“

Aber ich fühle mich hier noch schlechter. Ich habe so lange schon keine richtigen Deutschen gesehen und auch die Sprache fast vergessen. Ich kenne die deutschen Traditionen und Kultur nicht, und es ist wie eine große Kluft zwischen den hiesigen Deutschen und mir.

Keine Arbeit und ein Leben von Sozialhilfe sind eine Erniedrigung.

Jetzt besuche ich schon den zweiten Deutsch-Sprachkurs. Ich liebe es, etwas Neues zu lernen.

Mir gefällt unser Kurs hier, weil man sich mit anderen Leuten unterhalten kann.

Mir gefallen auch unsere Lehrer. Sie sind immer hilfsbereit und fröhlich. Sie helfen uns, sich in das neue Leben zu integrieren.

Aber ich denke immer mit Angst und Furcht daran, dass der Sprachkurs bald zu Ende ist und ich hier keine Arbeit finde. Was soll ich hier machen?

Das ist das Schicksal vieler Russlanddeutscher. Seit Ausbruch des ersten und auch nach Beginn des zweiten Weltkrieges sind wir von zwei Großmächten unterdrückt worden: Die Russlanddeutschen ziehen von einem Ort zum anderen und finden bis heute keine Ruhe.

Rudolf Wiens