3. Preis geht an Zaur Jafarov

Die Sprache wurde zum Sprungbrett

Welche Rolle spielte der Besuch der VHS in meinem Leben? Um es kurz vorweg zu sagen: Eine entscheidende Rolle. Ohne den Besuch des Intensivsprachkurses Deutsch an der VHS Landkreis Hof hätte ich diese Geschichte nicht schreiben können – denn vor zehn Monaten habe ich noch so gut wie kein Deutsch gesprochen. Aber davon erzählt meine Geschichte....

Es war einmal in Deutschland

Große weiße Schneeflocken fielen lautlos auf die Straßen der kleinen Stadt. Die Ruhe des Abends wurde durch die vorbeifahrenden Autos kaum unterbrochen. Einige Schneeflocken fielen auf die angelaufenen Fensterscheiben des Cafés, verwandelten sich in kleine Tropfen und rannen die Scheibe hinunter. Im Café saßen nicht viele Leute und die meisten Tische waren frei. Aus den Lautsprechern, die in den Ecken des Raums aufgestellt waren, hallte türkische Musik. An einem der Tische saßen zwei junge Männer, nämlich mein Freund und ich. Wir waren in ein Gespräch vertieft und die Zeit verflog unbemerkt.

„Zaur“, fragte mein Freund, „möchtest du in diesem Jahr irgendwelche Städte besuchen?“

„Ich möchte gerne nach Paris fahren“, antwortete ich.

„Dorthin kann man von München oder Frankfurt aus fliegen“, sagte Roman. „Ich habe gehört, dass die Tickets gar nicht so teuer sind.“

„Ja, wahrscheinlich fliege ich von München aus“, sagte ich. „Weißt du noch, wie ich mich im Frankfurter Flughafen fast verlaufen hätte?“

„In so einem Flughafen kann man sich wirklich verirren“, meinte Roman.

Und plötzlich kamen die Erinnerungen an meinen Umzug nach Deutschland in mir auf. Die Bilder, an die ich mich erinnerte, finde ich jetzt komisch. Aber damals waren sie ganz und gar nicht komisch:

Dieser Tag, an dem ich in Deutschland ankam, hat sich mir sehr gut eingeprägt, denn ich erlitt damals eine Menge Unannehmlichkeiten. Die Mehrzahl dieser Unannehmlichkeiten kam daher, dass ich fast nicht Deutsch sprechen konnte. Die dreihundert Wörter, die ich früher gelernt hatte, halfen mir jetzt nicht. Außerdem entfielen mir diese Wörter in der Aufregung gänzlich. Ich irrte fast eine Stunde durch den Frankfurter Flughafen und suchte das Gate für den Flug nach Nürnberg. Ich konnte mich an kein deutsches Wort erinnern und fragte mich unter Schwierigkeiten mit ein bisschen Englisch durch. Endlich fand ich das richtige Gate. Ich war müde und außer Atem - und kam gerade drei Minuten vor dem Einstieg ins Flugzeug an. Ich setzte mich auf eine Bank, um Atem zu holen, und es vergingen fünf, zehn, fünfzehn Minuten, ohne dass der Aufruf zum Einsteigen kam. Unser Flugzeug hatte nämlich einen technischen Defekt, und aus Lautsprechern wurde mitgeteilt, dass ein anderes Flugzeug am anderen Ende des Flughafens nach Nürnberg fliegt. Ich verstand fast nichts von dem, was gesagt wurde, aber ich lief den anderen Leuten hinterher und bestieg das Flugzeug. Am Nürnberger Flughafen wurde ich von meinen Bekannten abgeholt, die mich zur Sammelstelle für Emigranten brachten und mir bei allen Formalitäten halfen. Ohne sie hätte ich das nicht machen können.

Nach einigen Tagen bekam ich die Mitteilung, dass die Regierung mich nach Hof schickte. Ich und zwei andere Männer fuhren mit dem Zug dorthin. Auf dem Weg nach Hof machten sich die fehlenden Deutschkenntnisse stark bemerkbar: Erstens stiegen wir in den falschen Waggon ein, der dann unterwegs abgehängt wurde, so dass wir mit unserem schweren Gepäck gerade noch mit Müh und Not in einen anderen Waggon umsteigen konnten. Zweitens kamen später zwei Polizisten und kontrollierten unsere Ausweise. Nur schwer konnten wir ihnen erläutern, wohin und warum wir dorthin fuhren. Schließlich erreichten wir Hof und fanden das Wohnheim, in dem jeder von uns ein Zimmer bekam. Das Zimmer, das mir zugeteilt wurde, war sehr klein. Aber das war im Augenblick nicht mein Problem. Ich war um tausend andere Fragen besorgt. Diese Fragen ballten sich wie eine Wolke kleiner Fliegen in meinem Kopf. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie ich Deutsch lernen sollte. Alles hier in Deutschland war so anders als in dem Land, aus dem ich kam, als in Aserbaidschan. Und ich war allein.

Die Hauptsache war, dass ich ganz bestimmte Lebensziele hatte. Ich durfte jetzt die Geduld und die Willenskraft nicht verlieren. Es war mir klar, dass ich ohne Sprachkenntnisse meine Lebensziele nicht erreichen kann. Und dass das Leben für mich dann minderwertig wäre. So entschied ich mich, schon vor Beginn des Sprachkurses selbst aktiv Deutsch zu lernen. Fast drei Monate wartete ich auf den Anfang des Kurses. In dieser Zeit lernte ich viele neue Wörter, aber ich konnte noch nicht sprechen. Aber ich begann langsam, die Sprache zu verstehen.

Nach drei Monaten fing endlich der Deutschkurs bei der VHS Landkreis Hof an. Vom ersten Tag an gefiel es mir, den Kurs zu besuchen. Insbesondere angenehm war, dass unsere Lehrerin ganz deutlich sprach. Ich fand, dass ich fast alles verstand. Das freute mich sehr. Vor allem studierte ich die Grammatik. Für die neuen Wörter verwendete ich weniger Zeit. Dass ich jeden Tag zur Schule ging und mehrere Stunden lernte, gab mir viel. Nach zwei Monaten konnte ich schon über einfache Sachen sprechen. Aber ich machte noch viele Fehler und stammelte oft, weil ich die Wörter in meinem Kopf nicht finden konnte. Mit der Zeit wuchsen meine Deutschkenntnisse und das neue Land war mir nicht mehr so fremd. Alles kommt mit der Zeit – das, was ich früher so schwierig fand, kommt mir jetzt ganz leicht vor. Alte Gedanken darüber, wie ich Deutsch lernen kann, besuchen mich nicht mehr. Der Deutschkurs half mir in bedeutendem Maße, mich in diesem für mich ganz fremden Land einzuleben. Ich fand neue Bekannte, der Kreis meines Umgangs ist größer geworden. Ich beginne viel zu verstehen, was mir früher ganz verwickelt erschien. Jetzt, wo seit meiner Einreise zehn Monate vergangen sind, kann ich über fast alles, was mir in meinem alltäglichen Leben vorkommt, reden. Ich besuche Ämter ohne Hilfe von jemandem und löse meine persönlichen Dinge. Der Besuch des Deutschkurses hat dabei eine ganz wichtige Rolle gespielt: Die deutsche Sprache ist wie ein Sprungbrett in das Leben in Deutschland. Der Deutschkurs hat mir Mut gemacht, ich schaue mit Zuversicht in die Zukunft. Und manchmal denke ich, erst wenn ich die Sprache kann, komme ich hier wirklich an ....

„Willst du wirklich in diesem Jahr nach Paris fahren?“ Die Stimme meines Freundes unterbrach meine Gedanken.

„Wenn die Umstände passen“, antwortete ich und schaute auf die Uhr. Es war 21.50 Uhr. „Komm, Roman, gehen wir noch ein bisschen spazieren und dann nach Hause“, schlug ich vor.

Wir bezahlten die Rechnung und verließen das Café. Es schneite weiter, aber die Schneeflocken waren kleiner geworden. Es war nicht mehr so kalt und der Schnee auf dem Boden war zart. Wir gingen an der Marienkirche vorbei. Die Zeiger der Kirchturmuhr zeigten 22 Uhr.

Zaur Jafarov