1. Preis geht an Marcus Böttcher

Trotz Unfalls mit VHS-Hilfe zum Arbeitsvertrag

Im Jahr 2000 hatte ich, Marcus Böttcher, mit gerade 20 Jahren meine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann erfolgreich abgeschlossen. Dennoch wurde ich von meiner Ausbildungsfirma wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und dem damit verbundenen Personalabbau nicht übernommen.

Nun begann für mich eine Zeit der Ungewissheit: Was soll ich nun tun? Schließlich sprach jeder vom schlechten Arbeitsmarkt. Was wollte ich beruflich überhaupt erreichen? Wollte ich wieder ins Büro oder vielleicht die Chance ergreifen und einen ganz anderen Berufsweg einschlagen? Des weiteren wusste ich auch nicht, wann mich der „Bund“ zum Ableisten des Wehrdienstes holt.

Es waren also Fragen über Fragen in meinem Kopf, auf die ich damals keine Antwort fand. Ich verdiente mir mein Geld mit diversen Nebenjobs, wie z.B. Pizza ausfahren, Küchenhilfe, Kurierfahrten und Montagetätigkeiten auf dem Bau.

Natürlich schrieb ich auch fleißig Bewerbungen, doch ich erhielt nur Absagen. Wer sollte auch schon einen jungen Mann ohne Berufserfahrung und noch nicht geleistetem Wehrdienst einstellen?

Doch dann zog mich im Frühjahr 2001 endlich die Bundeswehr ein. Ich war erst einmal versorgt und, wie die älteren Leute zu sagen pflegen, „weg von der Straße“. Aber auch hier war kein langes Verweilen, da ich nach zwei Monaten wegen starker Knieprobleme, die Folge eines früheren Motorradunfalls, schon wieder ausgemustert wurde.

Also ging im Sommer 2001 wieder das Gerenne um einen Arbeitsplatz los. Nachdem ich beim Bewerben die gleichen Erfahrungen wie vor dem Bund gemacht und ich eine Absage nach der anderen erhalten hatte, überlegte ich mir, dass ich irgend etwas unternehmen musste. Die Firmen suchten zwar junge dynamische Mitarbeiter, allerdings erwarteten Sie auch eine mehrjährige Berufserfahrung. Genau dies konnte ich nicht vorweisen.

Daraufhin ließ ich mich (auch auf Drängen meiner Eltern) im Arbeitsamt über verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten beraten. Mir wurden von der Arbeitsberaterin verschiedene EDV-Kurse und eine Umschulung zum LKW Fahrer angeboten. Nach kurzem Überlegen wollte ich die Umschulung zum LKW-Fahrer machen – schließlich hatte ich mich schon immer für all das was Räder und einen Motor hat interessiert. Aber ich wurde wiederum von den „Älteren“ belehrt, ich solle doch auf meine kaufmännische Ausbildung aufbauen. Also ging ich etwas genervt zur Volkshochschule und ließ mich noch von Sandra Krauß, Bildungsberaterin bei der VHS Landkreis Hof, über verschiedene Lehrgänge im EDV-Bereich beraten. Da diese Informationen mein Interesse an einer Fortbildung weckte, meldete ich mich für den Kurs „Sachbearbeiter - Wirtschaft“ an. Allerdings war mir immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, einen VHS-Kurs zu besuchen. In meinem Kopf schwirrte das Bild, VHS Kurse sei nur etwas für alte Leute und emanzipierte Singlefrauen.

Am 3. Dezember 2001 marschierte ich nun – teils mit Bauchschmerzen, teils mit Neugierde – das erste Mal in die Volkshochschule. Mein Interesse, wieder einmal eine Schulbank zu drücken, wuchs. Doch im Klassenzimmer angekommen, traute ich meinen Augen nicht – 90 Prozent Frauen. „Na, das kann ja lustig werden“, waren damals so meine Gedanken. Doch nach dem Motto: „Wer A sagt muss auch B sagen“, besuchte ich seitdem täglich den Lehrgang „Sachbearbeiter – Wirtschaft“ bei der Volkshochschule im Landkreis Hof.

Schnell merkte ich, dass es neben meiner Ausbildung im EDV- Bereich noch vieles gab, was mir fremd war. Die vielseitigen und anspruchsvollen Unterrichtsinhalte verlangten mir schon größere Anstrengungen ab. Nach einem Vierteljahr stand dann das erste Praktikum an. Wir wurden von unserer Sozialpädagogin, Frau Rothemund, angehalten, uns einen Praktikumsplatz zu suchen. Nun kam für mich die Frage: „Wohin soll ich?“ Ich wusste damals nur eins: In ein Amt gehe ich nicht!

Da mein Interesse nach wie vor den Autos galt, fuhr ich alle Autohäuser ab und fragte nach einem Praktikumsplatz. Bei meiner Nachfrage erhielt ich oft die Antwort: „Praktikum ja, aber einen Arbeitsplatz haben wir nicht.“ „Warum dann ein Praktikum?“, waren meine Gedanken. Leicht frustriert fuhr ich daraufhin den ganzen Landkreis ab und landete bei einem Autohaus in Wunsiedel. Hier bekam ich die Auskunft, dass die Firma nicht nur einen Praktikumsplatz frei hatte, sondern sogar einen neuen Mitarbeiter im kaufmännischen Bereich und im Verkauf suche. Ich legte gleich meine Praktikumsunterlagen vor und ich bekam die Zusage, dass ich dort mein Praktikum absolvieren durfte.

Hochmotiviert – und natürlich etwas aufgeregt - startete ich am ersten Praktikumstag zum Autohaus. Schnell arbeitete ich mich dort ein und es entwickelte sich ein kollegiales Verhältnis zu den anderen Mitarbeitern. Kurzum: Ich fühlte mich dort pudelwohl. Die anderen Mitarbeiter – und auch der Chef – waren mit meiner Arbeit zufrieden.

Als sich dann die Praktikumszeit dem Ende neigte, entschloss ich mich, dem Chef die brennende Frage „Übernehmen sie mich?“ zu stellen. Die Firma zeigte Interesse. Jetzt galt es, mit der VHS Landkreis Hof und dem Arbeitsamt Kontakt aufzunehmen. Meine Sozialpädagogin, Christiane Rothemund, verhandelte mit dem Inhaber des Autohauses und mit dem zuständigen Arbeitsberater, Ulrich Schlee. Doch dann passierte mir in der letzten Woche des Praktikums ein Autounfall (Totalschaden) – ausgerechnet mit einem Kundenauto des Autohauses. „Aus der Traum vom Arbeitsplatz“, dachte ich damals.

Ich bekam bezüglich der Formalitäten und Versicherungsangelegenheiten vollste Unterstützungen durch die VHS Landkreis Hof. Die Sozialpädagogin Christiane Rothemund sprach sogar trotzdem nochmals wegen des Arbeitsplatzes für mich mit dem Chef des Autohauses. Doch keiner hatte nach diesem Vorfall mit dem Verständnis des Chefs gerechnet. Er entschied sich trotz des Unfalls für mich und schon am 1. August 2002 hielt ich glücklich einen unbefristeten Arbeitsvertrag als kaufmännischer Angestellter und Autoverkäufer in der Hand.

Da wurde mir klar: „Ohne VHS-Kurs hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, ein Praktikum in dem Unternehmen zu absolvieren – ohne die fachmännische Unterstützung der Sozialpädagogin wären die Verhandlungen zwischen dem Chef des Autohauses und dem Arbeitsberater niemals zu Stande gekommen.“ Ohne dies alles hätte ich nicht diesen Arbeitsplatz bekommen. Danke!!!!

Mittlerweile arbeite ich schon ein und ein dreiviertel Jahr in dem Wunsiedler Autohaus und immer noch fahre ich jeden Morgen gern auf Arbeit.

Marcus Böttcher